Unterzwischen sind wir schon 1 ½ Monate hier. Die Ferne ist schon nicht mehr so fremd – umso mehr ist uns aber schon die Heimat fremder. Die Tage vergehen wie im Flug und der Alltag zieht ein. Das soll aber nichts Negatives bedeuten – im Gegenteil: Wir erleben immer noch täglich Neues. Auch wenn unser Leben langsam geregelter verläuft – kein Tag gleicht dem anderen. Wie sieht aber ein Tagesablauf bei uns aus?
Um 6 Uhr klingelt der Wecker (obwohl, Philipp ist immer schon vorher wach, sei das wegen seinen durch Heuschnupfen bedingten Hustenanfällen, dem Töff eines Knechtes oder unseren tierischen Nachbarn). Da wir vor allen anderen die Finca verlassen, bereiten wir unser Frühstück meist selbst zu. Anschliessend geht’s mit dem Velo ins Santuario. Das tägliche Training bringts, denn wir sind immer schneller unterwegs. Dort werden wir von allen Seiten mit Profesor Felipe und Profesora Ursina begrüsst. Die Arbeit macht inzwischen sehr Spass und die Minuten, in denen wir nichtstuend rumsitzen gehören schon fast der Vergangenheit an. Es ist schön, dass die Lehrerinnen nun mit uns arbeiten und nicht gegen uns. Wertschätzung, Zurückhaltung und Geduld waren die Zauberwörter. Um 13 Uhr ist die Schule zu Ende. Zum Zmittag gibt’s meist Reis und Suppe, das wir in der Gemeinschaft der Missioneras einnehmen. Danach warten Hausaufgaben auf uns, was immer mit sehr viel Fingerspitzengefühl verbunden ist. Wenn noch Zeit übrig ist, freuen wir uns, mit den Kindern zu spielen. Bevor wir wieder zurück zur Finca fahren, darf ein Cappuccino in Monañita, ein Sprung ins Meer oder ein Bier nicht fehlen. Nach der kalten Dusche zuhause gibt’s auch schon Nachtessen. Da wir natürlich nicht mit dem Luxus einer Abwaschmaschine beschert sind, gehört das Geschirrspülen für 16 Person vielfach auch dazu. Das Sandmännchen sagt uns hier früh gute Nacht – spätestens um 11 Uhr sind wir schon im Land der Träume.
Uns geht wirklich gut hier und unser Projekt 0816 ist trotz den überstandenen, vorhandenen und noch kommenden Schwierigkeiten genau das Richtige für uns. Auch wenn wir uns auf einiges vorbereitet haben, aber die Wirklichkeit zu erfahren und damit klar zu kommen, ist noch mal was anderes.
Ausflug nach La Renconada
Auf der Durchreise in Südamerika haben Dunja und Coco in Montañita einen 10-tägigen Stopp eingelegt. Gemeinsam mit ihnen sind wir mit dem Velo in ein abgelegenes Dorf am Meer gefahren. Der Weg dahin erwies sich als keinen Katzensprung und schlussendlich waren wir 60 km auf dem Rad. Von der Hauptstrasse aus führt eine steiler bis zum Teil fast senkrechter, ausgetrockneter Schlammweg. Im Dorf, wo die Zeit stehen geblieben scheint, genossen wir die Kühle des Meeres. Von der Hitze erschöpft und der langen Fahrt ermüdet sind Dunja und Coco direkt nach Ankunft mit einem Jeep nach Montañita chauffiert worden. Wir beide nahmen aber die Strapazen der Velofahrt nochmals auf uns und gönnten uns auf dem Heimweg einen Kuchen bei Benito. Er ist ein über die Landesgrenzen bekannter Bäcker, der sein Handwerk in Paris gelernt hat. Das wort- und sprichwörtliche Sahnehäubchen unseres Ausflugs.
Besuch von zuhause
Mit Freude erwarteten wir unseren ersten Besuch aus der Schweiz. Die ganze Familie Manser hat ihre sieben Sachen gepackt um ihre ausgebüchste Tochter und Schwester einzufangen. Die Zeit mit ihnen war für uns phänomenal. Wir durften sie für eine Woche an unserem Alltag und Leben teilnehmen lassen und die Kultur, das Land und die Leute vorstellen. Ihr Besuch gab uns aber auch die Gelegenheit, die Gegend mehr zu erforschen. So plantschten wir nach einem Marsch im Urwald im kühlen Fluss oder beobachteten Vögel auf der Isla de la Plata, das kleine Galapagos.
Nebst Hängematte, Schmuck und sonstigen Souveniers nehmen sie ein Kopf voll Eindrücke und Erlebnisse zum verarbeiten mit.
Geduld
Eines der Eigenschaften, dass wir hier schon enorm gelernt haben, ist die liebe Geduld. Dafür gibt es unzählige Bespiele – ein Klassiker dafür ist die Geschichte des Schutzbleches:
Für die kommende Regenzeit ist ein solches Ding extrem von Vorteil, wenn man nicht nach 5 Minuten Fahrt das T-Shirt wechseln will. (Die Dusche, durch ein vorbeifahrendes Auto verursacht, können wir leider nicht verhindern). Das Velo von Philipp ist leider mit nichts der Gleichen bestückt und darum haben wir eines Tages unser Glück bei unserem Velomechaniker in Montañita versucht. Er meinte nur: sí sí, mañana (morgen). Wir durften 2 ½ Wochen und unzählige Male des Nachfragens vorübergehen lassen, bis sich mañana bewahrheitet hat. Inzwischen ist das Schutzblech montiert und es fehlt nur noch ein kleines Stück (erstaunlicherweise!). Wir werden sehen, wie lange es dauert, bis das nachmontiert wird.
2 ½ Wochen und fast jeden Tag nachfragen – aber Stressen tut uns das nicht mehr. Wir können mit Stolz sagen, dass wir uns bereits sehr an das Leben und die Gegebenheiten gewöhnt und angepasst haben und über die nötige Ruhe verfügen. Einfach alles ein wenig anderes betrachten und Gelassenheit aufbringen.
Geduld ist aber auch bei der Arbeit mit den Kindern gefordert. Kinder sind überall Kinder, aber Beispiele des hohen Lärmpegels, der enormen Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten, das Desinteresse und die Langsamkeit lassen uns die Unterentwicklung der Bevölkerung täglich spüren. Eltern der Kinder haben oft keine oder eine schlechte Bildung, daher ist die Unterstützung von der Familie sehr gering. Auch sind Umgangsformen oft ein Fremdwort. So haben wir uns beispielsweise der schwierigen Aufgabe verschrieben, den Kindern die Wirkung eines Bitte und Danke näher zu bringen. Viele Kinder im Heim haben durch ihre Vergangenheit den Sinn und die Motivation fürs Lernen verloren oder gar nie gefunden. So kann einen diktierten Satz zu schreiben schon gut und gerne mal ½ Stunde dauern.
Irgendwie ein Triathlon aus Geduld, Härte und Zuwendung.
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