¡Bienvenido Ecuador!

Weg ins Unbekannte
Der liebe Petrus meinte es gut mit uns und lies es in Quito so stark regnen, dass unser geplanter Zwischenstopp nicht möglich war. So flogen wir direkt nach Guayaquil weiter. Beim verlassen des Flughafen empfing uns die tropische und feuchte Hitze von Ecuador. Nach einer Nacht und einem Vormittag in Guayaquil machten wir uns mit dem Taxi auf um an den Busbahnhof zu fahren. Dort wartete die erste Herausforderung auf uns. Wie finden wir nun den Schalter welcher die Tickets Richtung unserem Ziel verkauft? Ursina schlug sich jedoch trotz Hitze und nicht auskunftswilligen Angestellten tapfer. Nach einem hin und her sassen wir schlussendlich doch im Bus Richtung unbekannt. Die Fahrt war rumplig, interessant aber auch ermüdend. Zum guten Glück haben wir unsere Kontaktperson Gaby vor der Abfahrt noch erreichen können, weil sie uns auf Grund eines Datumsmissverständnisses eigentlich einen Tag später erwartet hat. So kamen wir gut auf der Finca der Fundation Santa Maria del Fiat an, unserem neuem zu Hause für die nächsten 6 Monate. Unter den ersten aber nicht den letzten Schweisstropfen richteten wir uns ein. Anschliessen warteten wir auf Gaby die uns alles zeigen wollte. Dank Andreas, einem Schweizer der auch hier wohnt und arbeitet, gingen wir nicht vergessen und so kamen wir noch zu unserem ersten Abendessen in der Gemeinschaft der Missioneras. Müde und Neugierig fielen wir ins Bett.

Unser erster Tag in Manglaralto
Gaby zeigte uns das Leben und die Umgebung der Finca. Nebst verschiedenen Unterkünften der hier lebenden Personen befindet sich die Bäckerei, Fleischerei, Schreinerei, Werkstatt, Viehzucht (Schweine, Hühner und Kühe), Kapelle, Laden und Ambulanz. Die Finca ist sozusagen das Hauptquartier der ganzen Organisation und liegt ca. 3 km von Manglaralto entfernt. Das Leben ist hier um einiges luxuriöser (im hiesigen Sinne) vor allem das durch Eigenproduktion geschaffene Essen. Gaby erzählte uns dabei viel über die Entstehung und Entwicklung der Foundation. Dazu können wir eigentlich nur „chapeau“ sagen! Nachmittags besuchten wir das 7 km entfernte Kinderheim „Santuario“ und lernten unseren künftigen Arbeitsort kennen. Nebst dem Heim befindet sich hier ein Kindergarten, die Primar- und Oberstufeschule und natürlich (wir sind ja in einem katholischen Organisation) noch eine Kirche.

Mitbewohner, Güggel und andere tierische Erlebnisse
Unsere nette Unterkunft teilen wir natürlich auch mit Gspänlis. Unsere Zimmer liegen gegenüber jedoch noch näher sind uns unsere Mitbewohner wie Fledermäuse, Kakerlaken, Moskitos, fliegende Ameisen, überdimensionale Tausendfüssler. Mäuse und Ratten haben wir noch nicht gesehen aber hören tut man sie immer wieder. Manche kleine Panikattacken mussten wir am Anfang miterleben. Inzwischen jedoch gehören sie zu uns und wir werden einer von ihnen ;-) Täglich grüssen uns auch ab morgens halb 5 die zahlreichen Güggel von nebenan. Wenn dann auch noch die Schweine und Kühe mitdröhnen, ist das böse Erwachen mal Wort wörtlich zu nehmen.

Bienvenido al Santuario
Voller Motivation und Tatendrang machten wir uns am Freitag aufs Fahrrad, dass wir pünktlich zur ersten Stunde in der Schule sind. Die 7 Kilometer Velofahrt ist ein rechtes Abenteuer. Die Strassen besitzen mehr Löcher als ein Schweizer Käse und das Klima ist ebenfalls nicht so velofreundlich.
Philipp ist Hilfslehrer in der zweiten Klasse, Ursina in der dritten. Uns erfuhr alles andere als ein herzliches Willkommen. Keine der Lehrerinnen war informiert, dass jemand kommen wird, um sie zu unterstützen. Entsprechend wussten sie nicht, was mit uns anfangen und sahen uns eher als ihren Feind.
Am Nachmittag arbeiten wir mit den Kindern vom Heim zusammen. Ursina betreut das Haus der Mädchen, die zwischen 6 und 11 Jahre alt sind, und Philipp kümmert sich um die Jungs (Alter zwischen 5 und 14). Zuerst helfen wir ihnen bei den Hausaufgaben, was alles andere als einfach ist. Wenn dann noch Zeit übrig ist, wird gespielt, rumgealbert, getröstet, Streit geschlichtet und und und.

Die Arbeit mit den Kindern machte schon sehr schnell Spass. Was sie brauchen, ist jemand, der sich Zeit für sie nimmt, ihnen Zuneigung schenken kann und sie ernst nimmt. Schön, dass wir ihnen das geben können. Wir merkten aber auch schnell, dass es einige Zeit brauchen wird, sich hier einzuleben. Bei der Organisation durchzublicken ist kaum möglich, irgendwas mitkriegen tun wir nie und Interesse haben die meisten auch nicht an uns. Viele Dinge spielen da im Hinter- und Vordergrund eine Rolle und wir müssen lernen, das das Beste rauszuholen.

Selbsthilfe
Der Vergleich mit einem Kleinkind, dass seine ersten wackligen Schritte wagt, ist sicherlich nicht ganz falsch. Jedoch lernten wir sehr schell laufen. Wir entpuppen uns nämlich als Selbsthelfer. Das erste Wochenende verbrachten wir mal damit, unsere Zimmer einigermassen sauber und wohnlich zu kriegen (lustig wie schnell man braun wird, jedoch war das ein abwaschbares). Unsere zukünftigen Fortbewegungsmittel machten wir ebenfalls fahrbar, zuerst alleine, dann mit Hilfe eines in Montanita lebenden Mechanikers. WC-Rollenhalter sind ebenso entstanden wie eine kleine Zwischenwand. So kümmern wir uns tagtäglich auch um Dinge, die man eben nicht als selbstverständlich nehmen darf wie in der durchorganisierten Schweiz.

Censo
Damit unser Visa Gültigkeit erlangte, mussten wir innerhalb von 30 Tagen nach Guayaquill pilgern. Schon der Kauf des Bustickets entpuppte sich als wahre Nervenangelegenheit, da wir 2 1/2 Stunden warten mussten, bis sich Senior Ticketverkäufer in seinen Laden begeben wollte. Am nächsten Tag hiess es um 4 Uhr morgens aus den Federn. Nach einer holprigen Fahrt begaben wir uns auf einen Beamten-Büro-Marathon, der ganze sieben Posten beinhaltete. Zum Glück begleitete uns Andreas, der das schon 3 mal durchgemacht hatte. Sonst wären wir definitiv am *pips* gewesen. Natürlich unterliess er es auch nicht, uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen (zum Glück sind die ziemlich spärlich vorhanden). Wie durch ein Wunder erhielten wir unser Volontär-Ausweis schon am gleichen Tag – wie dieses Foto nach einem solchen Tag aussieht, könnt ihr euch kaum vorstellen (Verbrecherphoto pur).

Leben, Land, Leute
Die Küstenregion Ecuadors gehört zu der ärmsten der Nation. Ein Leben hier zu beschreiben ist nicht sehr einfach und wahrscheinlich auch schwierig vorstellbar. Ein Familienvater, der am Abend sieben Dollar für seine ganze Familie nach Hause bringt, kann sich glücklich schätzen. Um dies noch zu unterstreichen, ein Beispiel: Der von der UNO festgelegte Mindestlohn für Ecuador beläuft sich auf 400 USD. Die ecuadorianischen Regierung akzeptiert dies nicht – so herrscht hier im Lande einen Mindestlohn von 150 USD.

Als eines der ersten Angewohnheiten mussten wir uns „tranquillo“ aneignen – den gestresste Menschen siehst du eigentlich nie. Alles läuft hier langsam und braucht unglaublich viel Zeit (und noch mehr Geduld). Effizienz und Effektivität sind Fremdwörter. Ecuadorianer und Ecuadorianerinnen sind sehr Stolz, was wir manchmal in ihrer ablehnenden Haltung zu spüren bekommen. Aber sobald sie dich das zweite mal sehen, wird man herzlich gegrüsst und fühlt sich so schnell als einer von ihnen. Die Bildung von vielen ist extrem schlecht, lesen und schreiben ist keine Selbstverständlichkeit. Was die handwerkliche Fertigkeit an-geht, sind sie aber unschlagbar.

Organisation und Informationsaustausch gehört auch nicht gerade zu der Spezialgabe der hier Angesiedelten. Oft begreifen wir nicht, wie das so funktionieren kann, können aber unterzwischen schon sehr gut damit Leben. Hierzu noch ein ganz lustiges Bespiel der Regierung. Als der neue Präsident an die Macht kam, hat er überall veröffentlicht, welche Feiertage verschoben werden sollen, damit man ein langes Wochenende machen kann. 5 Tage vor dem 1. Mai haben die Zeitungen nun eröffnet, dass alle Leute am 2. Mai auch frei haben (und machen müssen), diese Tage aber an einem Samstag nachgearbeitet werden muss.